Von Manfred Weghenkel
Es gibt Orte in Berlin, die kennt eigentlich jeder – und kennt sie doch nicht wirklich. Schwanenwerder gehört ganz sicher dazu. Man fährt am Wannsee entlang, sieht die kleine Brücke, vielleicht ein paar Villen hinter Bäumen und Mauern, und fragt sich unwillkürlich: Was spielt sich eigentlich dahinter ab? Frank Schüttig hat sich genau dieser Frage angenommen. Sein neues Buch „Schwanenwerder – Trauminsel am Wannsee“ führt auf eine kleine Insel, die auf den ersten Blick vor allem idyllisch wirkt, bei näherem Hinsehen aber ein erstaunlich dichtes Stück Berliner Geschichte erzählt. Es geht um Geld und gesellschaftlichen Aufstieg, um großbürgerliche Lebenswelten, jüdische Schicksale, NS-Regime und Nachkriegszeit – und natürlich um die berühmten Bewohner, die Schwanenwerder über Jahrzehnte zu einem besonderen Berliner Mythos gemacht haben.

Und das Angenehme dabei: Der gestandene Journalist und Autor Schüttig (Jahrgang 1954) schreibt kein trockenes Insellexikon. Vom kargen Sandwerder zur Luxusadresse Die Geschichte beginnt erstaunlich unspektakulär. Als Friedrich Wilhelm Wessel, ein erfolgreicher Petroleumlampenfabrikant, 1882 das damals noch weitgehend kahle Eiland erwarb, war von der Bspäteren Trauminsel wenig zu sehen. Das ursprüngliche „Cladower Sandwerder“ musste erst kultiviert, bepflanzt und als attraktiver Wohnort entwickelt werden. Aus dem beinahe unscheinbaren Stück Land entstand nach und nach eine Villenkolonie für Menschen, die sich eine solche Lage leisten konnten. Bankiers, Industrielle, Kaufleute und Warenhausbesitzer bauten sich hier ihre Sommerhäuser und Landsitze. Allein diese Entwicklung erzählt bereits viel über das Berlin der Kaiserzeit: Eine neue wohlhabende Schicht wollte raus aus der dicht bebauten Stadt – aber bitte nicht allzu weit weg. Wasser, Grün, Ruhe und großzügige Grundstücke sollten es sein. Schwanenwerder wurde zum Rückzugsort der Berliner Oberschicht. Dass die Insel später sogar auf dem Monopoly-Spielbrett auftauchte, ist eine dieser herrlich kuriosen Geschichten, die Schüttigs Buch immer wieder bereithält: In der deutschen Monopoly-Ausgabe von 1936 war die Inselstraße mit 8000 Reichsmark die teuerste Adresse des Spiels – noch vor der Schlossallee.

Besonders reizvoll ist der Blick auf das Leben der Bewohner in den 1920er Jahren. Schwanenwerder war damals eine abgeschlossene Welt für sich. Wer hier wohnte, hatte Geld, Einfluss und vor allem ein Bedürfnis nach Ruhe und Privatsphäre. Schüttig macht diese Welt anhand konkreter Personen und Häuser anschaulich. Da geht es beispielsweise um Bankiers, Industrielle und Kaufhausunternehmer – Menschen, deren Namen mit der wirtschaftlichen Entwicklung Berlins verbunden sind.

Besonders interessant wird das Buch dort, wo aus bloßen Grundstücksgeschichten plötzlich Lebensgeschichten werden. Da ist etwa Rudolph Karstadt, der auf Schwanenwerder ein riesiges Anwesen erwarb. Sein Aufstieg zum Warenhauskönig war gewaltig, sein persönlicher Absturz in der Weltwirtschaftskrise ebenso dramatisch. Das prächtige Anwesen auf der Insel konnte er schließlich nicht halten. Noch spannender sind die Geschichten jüdischer Bewohner, die in den 1920er Jahren einen erheblichen Teil der Inselbewohner ausmachten. Hinter der Idylle lauert die deutsche Geschichte Und hier verlässt das Buch endgültig die Ebene einer nostalgischen Berliner Villengeschichte. Denn Schwanenwerder war nicht nur eine Trauminsel. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde auch diese scheinbar abgeschottete Welt von der politischen Realität eingeholt. Jüdische Eigentümer wurden verfolgt, zur Emigration gezwungen und vielfach unter Wert zum Verkauf ihrer Häuser gedrängt. In einige der Villen zogen anschließend führende Nationalsozialisten ein – darunter Joseph Goebbels, Albert Speer und Theodor Morell. Schüttig verschweigt diese dunkle Seite der Inselgeschichte nicht. Das ist wichtig, denn ein Buch über Schwanenwerder könnte leicht in der Versuchung landen, nur die schöne Seite der Villen, Gärten und Sommerfrische zu erzählen. Stattdessen zeigt sich, wie eng auf dieser kleinen Insel Luxus und deutsche Geschichte miteinander verbunden sind. Gerade dadurch gewinnt das Buch an Tiefe.

Nach 1945 änderte sich das Gesicht Schwanenwerders erneut. Die Villen wechselten ihre Nutzer, einige Anwesen wurden von den Alliierten beziehungsweise öffentlichen Einrichtungen genutzt. Plötzlich gehörten amerikanische Militärs zu den Bewohnern beziehungsweise Nutzern der Insel. Auch Dwight D. Eisenhower und Lucius D. Clay werden in diesem Zusammenhang genannt. Damit wird Schwanenwerder fast zu einem kleinen Brennglas der Berliner Geschichte: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur, Krieg, amerikanische Besatzung und schließlich das Berlin der Nachkriegsjahrzehnte – alles findet auf diesem kleinen Stück Land seine Spuren. Axel Springer und die neue Prominenz Später wurde es zunächst ruhiger auf Schwanenwerder.

Die Insel geriet gewissermaßen in einen Dornröschenschlaf. Dann kam eine neue Generation prominenter Bewohner. Einer der bekanntesten war der Verleger Axel Springer, der sich mit seiner Frau Friede an der Nordspitze der Insel niederließ. Auch diese Episode macht deutlich, dass Schwanenwerder seinen besonderen Charakter als abgeschirmter Rückzugsort für prominente Berliner nie ganz verloren hat. Besonders kurios: Schüttig geht auch der Frage nach, wo Axel Springer die Idee für die spätere Hilfsaktion „Ein Herz für Kinder“ entwickelte. Die Antwort findet sich im Buch auf Seite 127. Daneben tauchen weitere bekannte Namen aus Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft auf. Das eigentlich Spannende sind die Menschen Die große Stärke des Buches liegt für mich darin, dass Schüttig Schwanenwerder nicht ausschließlich über Architektur oder Grundstücke erzählt. Natürlich interessieren die Villen. Aber noch interessanter sind die Menschen, die dort lebten. Da ist der erfolgreiche Unternehmer, der plötzlich alles verliert. Der jüdische Ingenieur, der Deutschland verlassen muss. Der Bankier mit seinem großzügigen Landsitz. Die schillernde Figur Julius Barmat, dessen spektakulärer Aufstieg und Fall sogar dazu führte, dass die Insel zeitweise scherzhaft „Barmatwerder“ genannt wurde. Solche Geschichten geben dem Buch Tempo. Aus der Geschichte einer Insel wird eine Folge kleiner Berliner Gesellschaftsromane. Und genau dadurch liest sich „Schwanenwerder“ stellenweise fast wie ein historisches Kaleidoskop. Ein Stück Berlin, das sich der Öffentlichkeit entzieht Vielleicht ist das größte Rätsel Schwanenwerders bis heute seine Abgeschlossenheit.

Die Insel liegt mitten im Berliner Südwesten und ist doch eine Welt für sich. Wer heute die Brücke überquert, bekommt nur einen begrenzten Eindruck von dem, was sich hinter den Grundstücksmauern verbirgt. Einige der historischen Villen sind sichtbar, andere verschwinden hinter üppigem Grün. Diese Mischung aus Nähe und Distanz macht den besonderen Reiz aus. Man kann Schwanenwerder besuchen – aber man kann es nicht einfach „besichtigen“ wie Schloss Charlottenburg oder die Museumsinsel. Das Buch übernimmt deshalb gewissermaßen die Rolle eines Schlüssels. Es öffnet Türen, die dem Spaziergänger normalerweise verschlossen bleiben. Keine bloße Promi-Chronik Man könnte bei einem solchen Thema leicht ein Buch erwarten, das möglichst viele berühmte Namen aneinanderreiht. Schüttig macht glücklicherweise etwas anderes. Die Prominenten sind nicht Selbstzweck, sondern Teil einer größeren Geschichte. Die eigentliche Hauptfigur bleibt Schwanenwerder selbst – eine kleine Havelinsel, deren wechselnde Bewohner zugleich etwas über die jeweilige Berliner Gesellschaft erzählen. Das macht die Lektüre auch für Leser interessant, die sich normalerweise nicht besonders für Villengeschichten oder Berliner Prominenz interessieren.

Denn hinter den schönen Fassaden geht es immer auch um größere Fragen: Wer gehörte zur gesellschaftlichen Elite? Wie entstand Reichtum? Wie selbstverständlich war soziale Abgrenzung? Was geschah mit jüdischen Nachbarn und Eigentümern? Und wie veränderte sich das Leben auf der Insel nach 1945? 160 Seiten – kompakt, aber erstaunlich dicht Mit 160 Seiten ist das Buch angenehm handlich. Es ist kein wissenschaftlicher Wälzer und will offenbar auch keiner sein. Schüttig schreibt als Journalist und Reiseautor – entsprechend zugänglich ist der Stil. Das ist eine Stärke. Man kann sich festlesen, ohne das Gefühl zu bekommen, gerade ein historisches Seminar zu besuchen. Die rund drei Dutzend Abbildungen unterstützen den Charakter des Buches. Sie machen aus der Geschichte eine visuelle Zeitreise und helfen dabei, sich die Insel und ihre wechselnden Bewohner vorzustellen. Der BeBra Verlag gibt 34 Abbildungen an. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings: Wer vor allem ein üppiges Bildband-Erlebnis mit großformatigen Villen- und Landschaftsaufnahmen erwartet, dürfte möglicherweise etwas enttäuscht sein. Das Buch ist in erster Linie Geschichts- und Lesebuch, nicht luxuriöser Bildband.

Fazit: Ein Berliner Inselbuch mit Tiefgang „Schwanenwerder – Trauminsel am Wannsee“ ist weit mehr als eine Geschichte schöner Villen am Wasser. Frank Schüttig erzählt anhand einer kleinen Berliner Insel ein erstaunlich großes Stück deutscher Geschichte. Die Gründerzeit, die großbürgerliche Welt der 1920er Jahre, die Verfolgung jüdischer Bewohner während der NS-Zeit, die Nachkriegsjahre und die neue Prominenz des geteilten und später wiedervereinigten Berlin lassen sich hier wie auf einer kleinen Landkarte nachvollziehen. Dabei bleibt die Lektüre angenehm nah am Ort. Man liest über eine Villa – und erfährt etwas über ihren Besitzer. Man stößt auf einen prominenten Namen – und landet plötzlich mitten in einem Kapitel Berliner Geschichte. Und irgendwann bekommt man Lust, selbst einmal über die kleine Brücke nach Schwanenwerder zu gehen und sich die Insel mit anderen Augen anzusehen. Vielleicht ist genau das das schönste Kompliment für ein regionalgeschichtliches Buch: Es macht neugierig auf einen Ort, den man zu kennen glaubte. Schwanenwerder ist eben nicht nur eine Trauminsel am Wannsee. Es ist ein Stück Berlin, in dem sich Aufstieg und Fall, Glanz und Verfolgung, Prominenz und Rückzug, Vergangenheit und Gegenwart auf engstem Raum begegnen. Und wer nach der Lektüre am Wannsee unterwegs ist, wird vermutlich beim Blick auf die Insel nicht mehr einfach nur schöne Villen hinter Bäumen sehen. Sondern Geschichten.
Redaktion & Layout mit KI-Support: Manfred Weghenkel – Fotos: Archiv
Bibliografische Angaben: Frank Schüttig, Schwanenwerder – Trauminsel am Wannsee, BeBra Verlag, 160 Seiten, Hardcover, 34 Abbildungen, ISBN 978-3-8148-0353-1, Preis 20 Euro









































Spannend einmal aus erster Hand zu erfahren, wer ihn unter welchen Bedingungen gebaut hat. Dieser Frage widmet sich nun ein Buch aus der Feder des damaligen Oberbauleiters Jürgen Ledderboge. Der inzwischen 88-jährige aus Sachsen stammende Baufachmann schildert in dieser verdienstvollen Publikation mit dem Titel „Friedrichstadtpalast – vom Neubau zum Denkmal“ als Insider und Zeitzeuge wesentliche Etappen in der Historie des legendären Revue- und Showtheaters. Das Buch mit 200 Seiten und zahlreichen Abbildungen wird im März 2025 im Passage-Verlag Leipzig erscheinen, kann aber schon jetzt dort bestellt werden.



