Von Manfred Weghenkel

Der Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte, den manche als schönsten Platz Europas empfinden, hat ja viele Gesichter. Tagsüber ist er Flaniermeile und Fotokulisse für Berlin-Besucher, abends wird er zur Bühne der Stadt. Zum Auftakt des Classic Open Air Festivals 2026 verwandelte sich der historische Platz am 9. Juli wieder in eine Freiluft-Konzertarena – mit den Türmen von Deutschem und Französischem Dom und dem historischen Konzerthaus als faszinierende Kulisse und einem Publikum, das sich zwischen lockerer Feststimmung und Konzertetikette bewegte. Mehr als fünftausend erwartungsvolle Musikliebhaber waren gekommen. Was wurde diesmal geboten?

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Auch die Moderatorinnen Kerstin Linnartz (l.) und Eva Imhof waren Ehrengäste

Schon vor Beginn des Konzerts ist die besondere Mischung dieses Ortes spürbar. Jackett trifft auf Sommerkleid, Opernglas auf Smartphonekamera. Während sich die Reihen füllen, wandert der Blick nicht nur zur Bühne, sondern immer wieder zu den Fassaden ringsum. Der Gendarmenmarkt liefert an diesem Abend selbst einen Teil der Inszenierung.

Das Konzerthausorchester Berlin eröffnet unter der Leitung von Joana Mallwitz einen Abend, der musikalisch in die großen Metropolen der 1920er-Jahre New York, Paris und Berlin führt. Mit George Gershwins Tondichtung „Ein Amerikaner in Paris“ beginnt eine Reise zwischen Klassik und Jazz, zwischen europäischer Tradition und amerikanischem Aufbruch. Der Klang des Orchesters mischt sich mit fernem Stadtgeräusch, Stimmen aus der Menge, leisem Rascheln der Sommerkleidung und ein wenig Vogelzwitschern. Gerade diese Mischung macht den Reiz eines Open-Air-Konzerts aus.

Chefdirigentin Joana Mallwitz und Starpianist Hayato Sumino (c) Detlef Zmeck Eventfoto54

Zum Höhepunkt des ersten Teils wird Gershwins Komposition von 1924 „Rhapsody in Blue“. Der junge japanische Pianist Hayato Sumino bringt das Werk mit technischer Präzision und spielerischer Energie auf die Bühne. Die berühmte Verbindung von Jazzrhythmus und sinfonischer Klangwelt wirkt in dieser Umgebung besonders passend: ein Stück über moderne Städte inmitten einer modernen Großstadt. Musikfreunde haben hier ihre Gänsehautmomente.

Sabine Schiller, Geschäftsführerin des Classic Open Air, und Mario Hempel, Gesellschafter und Partner des Classic Open Air, sprachen zum Publikum

Nach der Pause wechselt die Stimmung. Kurt Weills 1934 in Amsterdam durch Bruno Walter uraufgeführte Sinfonie Nr. 2 führt in eine andere Klangwelt – eine, die stärker von Umbrüchen und politischen Spannungen geprägt ist. Die Musik erinnert daran, dass die kulturelle Blüte der 1920er-Jahre immer auch eine Geschichte von Unsicherheit und Veränderung war. Der aus Dessau stammende Komponist Kurt Weill (1900 – 1950) emigrierte 1933 aus Deutschland, wo er als jüdischer Künstler verfemt wurde: zuerst nach Frankreich, dann in die USA, wo er in New York City starb. Weltberühmt war er durch die Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht (Die Dreigroschenoper / Aufstieg und Fall er Stadt Mahagonny / Die sieben Todsünden) geworden. Die drei Sätze der Sinfonie Nr. 2 – eine Sonate, ein Trauermarsch und ein Rondo – wurden vom Konzerthausorchester kongenial dargebracht.

Übrigens, der Vertrag von Chefdirigentin Joana Mallwitz wurde zeitgleich mit dem diesjährigen Classic Open Air bis zum Ende der Saison 2032/33 verlängert. Diese Meldung verlieht dem Eröffnungsabend natürlich zusätzliche Bedeutung.

Während die letzten Takte der Sinfonie verklingen, bekommt der Abend seine spektakuläre visuelle Krönung. Über dem Gendarmenmarkt steigt traditionell wieder ein Höhenfeuerwerk in den Berliner Nachthimmel. Abwechslungsreiche Lichtblitze und Orchesterdonner treffen aufeinander. Gespielt wird als Zugabe die zum Feuerwerk ideal passende schwungvolle, mitreißende Polka „Unter Donner und Blitz“ von Johann Strauß (Sohn). Der musikalische Wirbelwind aus Pauken, Blechbläserglanz und pointierten Effekten lässt den historischen Gendarmenmarkt noch einmal aufleben – ein Finale, das seinem Namen alle Ehre macht.
Das Festival Classic Open Air läuft noch bis zum 14. Juli mit Konzerten von Giovanni Zarrrella, Joja Wendt, David Garrett, Heavn und Alphaville.

Text und Fotos (6): Manfred Weghenkel

Weitere Infos: www.classicopenair.de