Von Daniel Marschner

Als der Filmtitel „Song Sung Blue“ erstmals aufpoppte, dürften viele so etwas wie eine Lifetime-Story über Neil Diamond oder die Entstehung seines gleichnamigen Welthits erwartet haben. Doch weit gefehlt: Hollywood-Regisseur Craig Brewer, der vor 15 Jahren bereits das Remake des Tanzfilmklassikers „Footloose“ inszenierte, entschied sich für einen völlig anderen Ansatz. Passend zu Diamonds 85. Geburtstag im Januar 2026 überraschte er sein Publikum mit einem Werk, das sich wohltuend von klassischen Musikfilm-Konventionen abhebt.

Der gestandene Regisseur und Drehbuchautor erzählt weder die Lebensgeschichte noch den Aufstieg eines Künstlers, begleitet kein einzelnes Konzert und stellt auch – anders als etwa Tom Hanks 1996 in „That Thing You Do!“ – keine fiktive (an reale Vorbilder angelehnte) Band in den Mittelpunkt. Überhaupt ist sein „Song Sung Blue“ kein Film über Ruhm und Erfolg. Glamour, große Bühnen und strahlende Stars sucht man hier vergeblich. Stattdessen geht es um Menschen, die auf Kino-Leinwänden für gewöhnlich unsichtbar bleiben: Normale Leute, die mit Talent und Leidenschaft Musik machen und dadurch den Mythos bekannter Stars am Leben halten – ohne dabei aber selbst auch nur annähernd so berühmt zu werden.

Basierend auf einer Dokumentation von 2008 erzählt „Song Sung Blue“ die wahre Geschichte von Mike Sardina und Claire Stengl; einem Durchschnitts-Paar aus Milwaukee/Wisconsin, das sich 1987 kennenlernte und ab 1989 für rund 17 Jahre als Neil-Diamond-Coverduo „Lightning & Thunder“ im Mittleren Westen der USA auftrat. Brewer porträtiert sie als Menschen in ihren Dreißigern, die vom Alltag gezeichnet sind: alleinerziehend, finanziell angeschlagen, mit Alkoholsucht und Depression kämpfend. Was sie verbindet, ist ihre Liebe zur Musik – und der Wunsch, mehr zu sein als ein Patsy-Cline-Double oder der einzige weiße Sänger in einer Band schwarzer Musiker. Hugh Jackman, der Mike Sardina verkörpert, formulierte es in einem Interview so: „Es geht um ganz normale Menschen aus der Arbeiterklasse, die ums Überleben kämpfen – und dabei riesige Träume haben. Das ist sehr amerikanisch: der American Dream. Du kannst alles werden, wenn du hart arbeitest – und genau das tun sie.“ Es ist vor allem diese Normalität, die sich durch den ganzen Film zieht und ihn so sehenswert macht. Mike und Claire erwecken zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass sie sich für etwas Besonderes halten. Sie sehen sich nicht als Songwriter oder Sexsymbole, sondern als das, was sie sind: Leute wie Du und Ich. Ihnen geht es nicht darum, reich und berühmt zu werden – sie wollen einfach nur singen, ihr Publikum unterhalten und davon leben können. Und sie wollen dabei authentisch bleiben. So sagt Mike in einer Szene: „Ich sehe überhaupt nicht aus wie Neil. Ich kling‘ nicht mal wie Neil. Klar muss ich Neil sein, aber ich muss auch Ich sein“. Kein Neil-Diamond-Imitator, sondern ein Neil-Diamond-Interpret.

Fiktive Illustration: durch KI generiert

Dass all das einen ganzen Film trägt, ist vor allem den grandiosen Hauptdarstellern zu verdanken. Hugh Jackman und Kate Hudson harmonieren hervorragend miteinander und spielen ihre Figuren mit spürbarer Freude. Besonders Hudson überrascht: nicht nur optisch, sondern auch darstellerisch. Während sie sonst häufig in leichten romantischen Komödien zu sehen ist und attraktive, charmante, aber eher oberflächliche Rollen spielt, zeigt sie als Claire Stengl eine Figur mit Tiefe, Reife und emotionaler Widersprüchlichkeit. Eine Rolle, die man nicht einfach konsumiert, sondern mit der man sich auseinandersetzt – und die das Potenzial zu einem echten Imagewechsel hat. Ihr überzeugendes, facettenreiches Spiel bescherte ihr folgerichtig eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin.

Auch Regisseur Craig Brewer macht einen sehr guten Job und liefert den besten Film seiner Karriere ab. „Song Sung Blue“ ist eine gelungene, temporeiche Mischung aus Underdog‑Story, Liebesdrama und Musikfilm – getragen von großartigen Darstellern und zahlreichen, von den Stars selbst gesungenen Musikeinlagen, wodurch die über zwei Stunden Laufzeit wie im Flug vergehen. Ein Film, der gleichermaßen Schauspielerkino als auch Neil-Diamond-Fanfutter ist. Die vielen Diamond-Fans in aller Welt kommen voll auf ihre Kosten, denn es ist nicht nur der melancholisch grundierte und dennoch hoffnungsvoll stimmende ewige Evergreen „Song Sung Blue“, der im Film erklingt, sondern es sind auch zahlreiche andere Top-Songs aus der Feder Neil Diamonds, wie „Cherry, Cherry“, „I’m a Believer“, „Forever in Blue Jeans“, „Play Me“, „Crunchy Granola Suite“, „Holly Holy“, „I Am… I Said“, „Soolaimon“ und natürlich das unverwüstliche „Sweet Caroline“.

Der entscheidende Kniff, die lebende Musiklegende Neil Diamond nicht selbst zu porträtieren, sondern eine Coverband in den Mittelpunkt zu stellen, verleiht dem Film zudem eine bemerkenswerte Zeitlosigkeit. Denn während einzelne Künstler irgendwann von der Bühne verschwinden, wird es Coverbands wie „Lightning & Thunder“ immer wieder geben. Sie halten die Songs lebendig – und ihre Geschichten könnten sich jederzeit genau so oder ähnlich wiederholen. Hugh Jackman nannte den Film „eine Liebeserklärung an Musiker, die überall auf der Welt für kleines Geld auftreten.“

„Song Sung Blue“ ist eine Hommage an all jene Menschen, die Musik lieben –und an die stille, tröstliche Kraft, die Musik in ihrem Leben entfaltet. Ein kurzweiliger, berührender, unterhaltsamer und universeller Musikfilm, der seine Strahlkraft gerade daraus bezieht, dass er nicht die Stars feiert, sondern jene, die im Schatten stehen. Und einer, den man gerne ein zweites Mal sieht.

Redaktion: Manfred Weghenkel, Text und Titelfoto: Daniel Marschner