Von Manfred Weghenkel

Der Schöpfer und Sänger des schmissigen Welthits „Sweet Caroline“ und von vielen anderen unvergänglichen Pop- und Rocktiteln wird am 24. Januar 85 Jahre alt. Neil Diamond ist eine Musik-Ikone. Top-Songs wie „Solitary Man“, „I’m A Believer“, „Cracklin’ Rosie“, „Song Sung Blue“, „I Am… I Said“, „Holly Holy“, „Red Red Wine“, „Kentucky Woman“, „Beautiful Noise“, „America“ und „Forever in Blue Jeans“ gehören längst zum American Songbook und zum Kanon der internationalen Popularmusik. Ein herzliches Happy Birthday nach Amerika!

Es gibt Stimmen, die vergisst man nicht. Sie bekommen Patina, ja ein wenig Körnung vielleicht, aber sie verlieren nichts von ihrer magischen Kraft. Neil Diamond ist so eine Stimme. Und nun wird dieser Mann, der Generationen von Menschen dazu brachte, bei drei einfachen Silben kollektiv die Arme zu heben – “So good, so good, so good!“ – 85 Jahre alt. Ein schöner Geburtstag für einen Künstler, dessen Karriere gleichsam ein Roman ist: dick, facettenreich, voller Refrains, die man nie wieder los wird.

Sein erstes eigenes Album – 1967

Brooklyn, Brill Building und der amerikanische Traum: Die Geschichte beginnt dort, wo viele amerikanische Popmärchen ihren Anfang nehmen: in Brooklyn, New York City. Neil Leslie Diamond, Jahrgang 1941, wächst dort in einem jüdischen Elternhaus auf, besucht die Erasmus Hall High School – zufällig zusammen mit einer gewissen Barbra Streisand – und entdeckt früh, dass Musik mehr sein könnte als nur Zeitvertreib. Mit 16 bekommt er vom Vater, einem Ladenbesitzer, seine erste Gitarre. Als talentierter Autodidakt widmet er sich nach einem kurzen, wieder abgebrochenen  Medizinstudium voll und ganz der Musik Es ist der Moment, in dem sich alles entscheidet.

Als begnadeter Live-Performer in England 1977 – Foto: Wikimedia Commons / Skybird73

Anfang der 1960er Jahre landet Diamond im legendären Brill Building in Manhattan, dieser kreativen Songwriter-Fabrik, in der Hits am Fließband entstanden – allerdings solche mit Herz, Verstand und handwerklicher Präzision. Für ein paar Dollar pro Song schreibt er Musik für andere: „I’m a Believer“ für die Monkees wird 1966 ein erster Welthit. Doch Neil Diamond ist nicht der Typ für den Schatten. Er will selbst ins Rampenlicht.

Der Solokünstler – Pathos mit offenem Hemd: Seine ersten eigenen Erfolge kommen noch in den 1960ern. Songs wie „Solitary Man“ oder „Cherry, Cherry“ tragen bereits jene Mischung in sich, die Diamond unverwechselbar macht: Melancholie und Größenwahn, intime Selbstbefragung und stadiontauglicher Refrain. Spätestens Ende der Dekade explodiert seine Karriere als gefragter Singer / Songwriter. Schon 1969 schreibt und singt er seinen wohl berühmtesten Titel „Sweet Caroline“, angeregt durch die Bekanntschaft mit der Kennedy-Familie.

Beim umjubelten Konzert in Sydney 2011 – Foto: Wikimedia Commons / Rinaldi

Die 1970er Jahre als Neil Diamonds goldenes Zeitalter: „Cracklin’ Rosie“, „Song Sung Blue“, „I Am… I Said“, „Holly Holy“ – es sind Lieder, die keine Angst vor großen Gefühlen haben. Diamond singt von Einsamkeit, Identität, Sehnsucht und Glauben, und er tut es mit einer Ernsthaftigkeit, die ihm manche Kritiker als Kitsch auslegen, die Fans aber als Ehrlichkeit feiern. Während andere cool sein wollen, trägt Diamond als für ihn typisches Outfit farbige Glitzerhemden, öffnet die Arme und meint es verdammt ernst. „Sweet Caroline“ ist ein Lied, das längst ein Eigenleben führt. Ob Baseballstadion in Boston, Hochzeitsfeier in Bayern, Karaoke-Bar in Tokio oder Night Club in Australien – dieser Song gehört allen. Diamond selbst hat einmal gesagt, er habe nie geahnt, was er da in die Welt gesetzt hat. Vielleicht ist genau dies das Geheimnis: Die großen Hymnen entstehen oft beiläufig.

Zu den anspruchsvollsten Kompositionen Neil Diamonds gehört zweifellos der Soundtrack zu dem Kultfilm „Jonathan Livingston Seagull“ („Die Möwe Jonathan“), der 1973 in den USA nach dem weltberühmten existentialistischen Buch von Richard Bach gedreht wurde. Für seine einfühlsame Musik und den Gesang bekommt Diamond 1974 einen begehrten Grammy Award.

Collage von Album-Covers. Als äußerst produktiver Musiker hat Neil Diamond in den rund 60 Jahren seiner Karriere mehr als 70 Alben, darunter 32 Studioalben, veröffentlicht und nach eigener Aussage insgesamt über 500 Songs geschaffen.

Ein echter Diamond-Evergreen ist auch das gefühlsstarke Duett „You Don’t Bring Me Flowers“, das er 1978 mit seiner einstigen Schulkameradin Barbra Streisand, die selbst zu einer großen Künstlerin geworden war, einsingt. Auf seinen vielen Konzerten war es – allerdings mit einer anderen Gesangspartnerin – fast immer zu hören.

In den 1980er Jahren bleibt Diamond präsent, auch wenn sich der musikalische Zeitgeist ändert. Er schreibt anspruchsvolle Balladen wie „Heartlight“, inspiriert von Steven Spielbergs filmischem Meisterwerk „E.T.“, rockige Titel wie „Primitive“, „I’m Alive“, „Lost In Hollywood“ und „Headed for The Future“. Ein Riesenerfolg: Er singt und spielt an der Seite des großen britischen Mimen und Theatermannes Laurence Olivier im Film-Remake von „The Jazz Singer“ (1980), für das er auch den vielgelobten Soundtrack mit den bekannten Nummern „America“, „Love On The Rocks“, „Jerusalem“ und „Hello Again“ verantwortet. Hier beweist er einmal mehr seine Nähe zu jüdischen Themen und musikalischen Wurzeln. Während viele seiner Zeitgenossen kürzer treten und leiser werden, schreibt Neil Diamond fleißig erfolgreich neue Songs und tourt als begnadeter Entertainer unermüdlich weiter. In den 1990er Jahren ist er der erfolgreichste Live-Performer vor allem in den USA. Seine Konzerte als mitreißender Entertainer sind keine nostalgischen Pflichtübungen, sondern emotionale Gemeinschaftserlebnisse.

Ein furioses Comeback erlebt Diamonds schon 1967 geschriebener Song „Girl, You’ll Be A Woman Soon“ – und zwar in dem Gangsterfilm „Pulp Fiction“ (1994) von Kultregisseur Quentin Tarantino, dort interpretiert von der Rockband Urge Overkill.

Ebenfalls Furore macht 1998 das zweiteilige „The Movie Album: As Time Goes By“, in dem sich Neil Diamond 20 berühmten Filmsongs, wie eben „As Time Goes By“, „Moon River“, „Unchained Melody“ und „My Heart Will Go On“, mit einfühlsam-souveräner Orchesterbegleitung von Elmer Bernstein widmet. Sängerisch wohl eine der reifsten Leistungen des Musikers..

Poster eines Konzertes in London Foto: Manfred Weghenkel

Nach der Jahrtausendwende kooperiert er mit dem renommierten Produzenten Rick Rubin, der Diamonds mitunter überproduzierte Musik „verschlankt“ und den Sänger mit der markanten Baritonstimme wieder mehr zu dessen Wurzeln zurückführt, aber auch zur innovativen Weiterentwicklung seines Sounds inspiriert. In dieser Zeit entstehen die auch von der Kritik vielbeachteten Spätwerk-Alben „12 Songs“ (2005) und „Home Before Dark“ (2008). Letzteres überflügelt sogar Madonna und schafft es auf Nr. 1 der Billboard-Charts. 2014 erscheint sein bisher letztes reguläres Studioalbum mit durchgängig eigenen Kompositionen und Lyrics: „Melody Road“. Schon der Titel verspricht so etwas wie eine bilanzierende Lebensreise auf der Straße des Melodischen, auf der sich Diamond als brillanter Schöpfer schöner Lieder und Balladen ja besonders gerne bewegte. Der Mid-Tempo-Song „Something Blue“ wurde noch einmal auch zu einem schönen, auch kommerziellen Erfolg.

2018 dann der empfindliche Einschnitt: Nach Abbruch seiner internationalen 50-Jahre-Jubiläumstour in Australien und Neuseeland gibt Diamond im Januar 2018 bekannt, an Parkinson erkrankt zu sein, und zieht sich vom aufreibenden Tourleben zurück. Es ist ein stiller, würdevoller Abschied von der Bühne – nicht von der Musik, für die er weiter schöpferisch tätig sein möchte. Kurze Auftritte als „Überraschungsgast“ absolviert er nur noch bei besonderen Gelegenheiten.

Die Anerkennung ist längst da: Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame, der Grammy Lifetime Achievement Award, Standing Ovations als Dauerzustand. Neil Diamond ist Teil der kulturellen DNA Amerikas geworden – und darüber hinaus. Mit etwa 140 Millionen verkauften Tonträgern gehört er als lebende Legende zu den erfolgreichsten Pop- und Rockmusikern überhaupt.

Wie einflussreich Neil Diamond in der Musikszene immer war und weiterhin ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er zu den meistgecoverten Künstlern überhaupt gehört. Sehr klangvolle Namen von Sängern und Sängerinnen, Bands und Orchestern stehen hinter Diamond-Tribute-Songs: Elvis Presley, Frank Sinatra, Johnny Cash, Harry Belafonte, Cliff Richard, Karel Gott, Shirley Bassy, Sarah Brightman, Dahlia Lavi, Ronan Keating, Roland Kaiser, DJ Ötzi, Robbie Williams, die Bands The Monkees, Deep Purple, Les Humphries Singers, UB 40 und U 2, die Opernsänger Andrea Bochelli und Rolando Villazon sowie viele namhafte Orchester, wie Mantovani, Bert Kaempfert, James Last und André Richeu.

Eindrucksvolles Porträt vom Album-Cover „Classic Diamonds“ (2020) Fotorechte: Capitol Music

Darauf haben seine ungezählten Anhänger und Fans in aller Welt schon lange gewartet: 2020 will er es noch einmal wissen. In der britischen Metropole geht er in die legendären, von den Beatles bekannten Abbey Studios, wo er zusammen mit dem exzellenten London Symphony Orchestra 14 seiner größten Hits neu einsingt und aufnimmt. Der Stimme merkt man zwar schon das fortgeschrittene Alter des Sängers an – sie ist nicht mehr ganz so klar und strahlend wie einst. Freilich, das daraus entstandene Album „Classic Diamonds“ kann als würdiges Highlight seiner rund 60 Jahre umspannenden, einmaligen Karriere als Sänger und Songschreiber angesehen werden.

Übrigens, Diamond selbst sieht im Schreiben von Musik seine eigentliche Stärke und Berufung: „Songwriting is what I do.“ Mit einem sehr persönlichen Blick auf seine Jahrzente reichende Karriere und seine Motivation meint er: „Ich hätte nie geglaubt, das alles so lange zu machen…Aber ich glaube nicht, dass ich jemals ganz aufhören werde. Es ist die einzige echte Herausforderung, die mir im Leben geblieben ist.“

Im Broadhurst Theater am Broadway startete die gelungene Weltpremiere des Musicals – Foto: Wikimedia Commons / Kestephen

„A Beautiful Noise“ – das eigene Leben als Musical: Dass seine Geschichte Broadway-tauglich ist, überrascht niemanden. „A Beautiful Noise“, das Biopic-Musical über Leben und Werk Neil Diamonds, feiert 2022 am Broadway in New York gelungene Premiere und erreicht seither auf einer langen Tournee ein breites Publikum. Es erzählt von Ruhm und Zweifel, von Kreativität und Einsamkeit, von dem Mann hinter den Hymnen. Dass Diamond selbst daran mitwirkt, zumindest geistig und musikalisch, schließt den Kreis. Das eigene Leben als Songzyklus – konsequenter geht es kaum.

Kurz vor seinem Geburtstag erlebt der große Singer / Songwriter eine weitere Ehrung: Der US-Spielfilm „Song Sung Blue“ mit den Hollywood-Stars Hugh Jackman und Kate Hudson hatte Ende 2025 Weltpremiere und wird  zurzeit auch in deutschen Kinos erfolgreich gespielt. Der nach einem der größten Hits des Musikers genannte Streifen handelt vom spannenden Leben und Treiben einer Neil-Diamond-Tribute-Band der Siebziger Jahre. Kate Hudson wurde jetzt sogar für den Oscar als Beste Hauptdarstellerin nominiert. Auch wenn es kein Jubiläumsprojekt sein soll – auf jeden Fall zeigt der Film, dass Diamonds Musik und Mythos gerade jetzt im kulturellen Umfeld  des 85. Geburtstages verstärkt wahrgenommen wird und der krankheitsbedingt kürzer tretende Künstler ein leuchtender Fixstern am Pop- und Rockhimmel geblieben ist.

Als gefeierter Ehrengast bei der Broadway-Premiere „seines“ Lifetime-Musicals stimmte Neil Diamond überraschend „Sweet Caroline“ an – Foto: Wikimedia Commons / Madrid

Neil Diamond ist also nun 85. Ein Alter, in dem andere längst zu Legenden erstarrt sind. Diamond aber bleibt lebendig, weil seine Ohrwürmer-Songs es sind. Sie werden gesungen, geschrien, geflüstert. Sie begleiten Lebenswege, markieren Abschiede und Anfänge. Sie sind, im besten Sinne, größer als ihr Schöpfer geworden – und doch untrennbar mit ihm verbunden. Happy Birthday, Neil Diamond! Und eine gute, angenehme Zeit! Danke für die Lieder, für den Mut zum Gefühl und für die schöne, laute, manchmal auch leise Geräuschkulisse à la Beautiful Noise eines außergewöhnlichen Lebens und Schaffens. So good, so good, so good!

Redaktion und Text: Manfred Weghenkel

Illustrationen: Wikimedia Commons (5) und Archiv.

Weitere Informationen: www.neildiamond.com